Herkunft : Poitou, Frankreich
Material : Oolithischer Kalkstein mit Resten der Polychromie
Abmessungen : H 97cm, B 32cm
Epoche : Ende des 12. Jahrhunderts, um 1180 bis 1200
Zustand : Abnutzungen und Fehlstellen. Der linke Arm fehlt. Kleine Restaurierungen im Gesicht im Bereich des rechten Auges, Fehlstellen am Buch.
Preis : Auf Anfrage
REF. 230
Apostel Petrus, romanisches Poitou. Ende des 12. Jahrhunderts.
Bedeutende monumentale Figur des Apostels Petrus, in sehr hohem Relief aus oolithischem Kalkstein mit Resten der Polychromie gearbeitet. Das Werk wird dem Poitou zugeschrieben und an das Ende des 12. Jahrhunderts, um 1180 bis 1200, datiert. Der Apostel steht barfuß auf einem rechteckigen Sockel, der den Anfang einer Inschrift S SIM… für Sanctus Simon Petrus trägt. Die nahezu vollplastisch konzipierte Skulptur besitzt eine flache Rückseite, war für die frontale Ansicht bestimmt und dürfte ursprünglich in einer Arkade oder einer flachen Nische aufgestellt gewesen sein.
In seiner rechten Hand hält Petrus einen Schlüssel mit einem bemerkenswerten, von Voluten geschmückten Ring. Die heute verlorene linke Hand hielt das Buch, an dem sich ein schöner Schließenbeschlag erhalten hat. Das frontal ausgerichtete und klar strukturierte Gesicht zeigt große hervortretende mandelförmige Augen unter kräftigen Lidern, eine lange gerade Nase sowie einen kleinen leicht geöffneten Mund. Haar und Bart sind in kräftigen Strähnen gegliedert, die von feinen parallelen Ritzungen durchzogen werden.
Die geschwungenen Falten im oberen Bereich des Gewandes sind für die Skulptur des Poitou im 12. Jahrhundert charakteristisch, während die tieferen Faltenzüge, die schräg verlaufenden Stoffbahnen und die zunehmende Eigenständigkeit der Volumen bereits auf die Entwicklungen am Ende des Jahrhunderts vorausweisen.
Mehrere Skulpturenensembles ermöglichen es, das Werk innerhalb dieser Entwicklung einzuordnen. Die Apostel von Notre Dame la Grande in Poitiers bilden einen typologischen Vorläufer für die Darstellung frontal ausgerichteter Apostelfiguren innerhalb einer architektonischen Gliederung. Die Fassade der Kathedrale Saint Pierre in Angoulême bietet einen wichtigen Vergleich hinsichtlich der Weite und Dynamik der Gewandfalten.
Der Vergleich mit Sainte Eulalie in Benet ist insbesondere für die Modellierung des Gesichts aufschlussreich. Der Kopf einer bärtigen Figur, der wahrscheinlich aus Notre Dame de la Couldre in Parthenay stammt und heute im Musée Georges Turpin unter der Inv. 2005.8.1 aufbewahrt wird, weist ebenfalls bedeutende Übereinstimmungen in der Gestaltung des Gesichts auf.
Das Apostelkollegium am Portal von Sainte Marie de Mimizan, das in die ersten Jahrzehnte des 13. Jahrhunderts datiert wird, bildet schließlich eine obere chronologische Grenze. Seine Figuren sind freier gestaltet und ihre Gewänder stärker von Bewegung bestimmt. Der hier untersuchte Petrus bleibt kompakter und stärker frontal ausgerichtet, zeigt jedoch bereits eine deutliche Entwicklung hin zu einer plastischeren Auffassung der Volumen. Die Gegenüberstellung dieser verschiedenen Vergleichspunkte erlaubt eine Datierung um 1180 bis 1200.
Die oolithische Beschaffenheit des Kalksteins sowie ihre Übereinstimmung mit der vorgeschlagenen Datierung wurden durch eine 2022 vom Labor Re.S.Artes durchgeführte Analyse bestätigt.
Ausführliches Dossier auf Anfrage.
Verwendete Literatur:
Françoise Baron, dir., L’art roman au Louvre, Paris, Fayard et Musée du Louvre, 2005.
Marie Thérèse Camus et Claude Andrault Schmitt, Notre Dame la Grande de Poitiers, l’œuvre romane, Paris et Poitiers, Picard et Centre d’études supérieures de civilisation médiévale, 2002.
Marie Thérèse Camus et Élisabeth Carpentier, Sculpture romane du Poitou, le temps des chefs d’œuvre, Paris, Picard, 2009.
Marie Thérèse Camus, Le regroupement de sculpteurs dans l’aire artistique du Poitou au XIIe siècle, l’exemple de l’atelier de la façade de Benet, dans Architecture, décor, organisation de l’espace, Mélanges offerts à Jean François Reynaud, Lyon, 2013, pages 203 à 214.
Laurence Brugger, De la création d’Ève à la Mandragore décapitée, la façade de l’église Sainte Eulalie de Benet en Vendée, Civilisation médiévale, volume 3, 1996, pages 37 à 53.
Jacques Lacoste, Le portail de Mimizan et ses liens avec la sculpture espagnole du début du XIIIe siècle, Revue de Pau et du Béarn, volume 2, 1974, pages 35 à 69.
Vertiefte Untersuchung des Kunstwerks
| Objekt: | monumentale Apostelfigur, wahrscheinlich aus einem Apostelkollegium |
|---|---|
| Bezeichnung: | Apostel Petrus |
| Herkunft: | Poitou, Frankreich |
| Datierung: | Ende des 12. Jahrhunderts, um 1180 bis 1200 |
| Material: | oolithischer Kalkstein mit Resten von Polychromie |
| Technik: | Skulptur in sehr hohem Relief |
| Maße: | Höhe 97 cm; Breite 32 cm |
| Erhaltungszustand: | Abnutzungen und Beschädigungen. Der linke Arm fehlt. Kleine Restaurierungen im Gesicht, im Bereich des rechten Auges, sowie Fehlstellen am Buch. |
| Wissenschaftliche Analyse: | die oolithische Beschaffenheit des Kalksteins sowie die Übereinstimmung mit der vorgeschlagenen Datierung wurden durch eine 2022 vom Labor Re.S.Artes durchgeführte Analyse bestätigt. Die Skulptur wurde von Elodie Jeannest de Gyvès, Expertin für mittelalterliche Kunst bei Sculptures & Collections, begutachtet. |
| Provenienz: | Privatsammlung, Frankreich; öffentliche Versteigerung, Frankreich |
| Referenz: | 230 |
Beschreibung
Der Apostel steht barfuß auf einem rechteckigen Sockel mit Inschrift. Die Figur ist entlang einer streng vertikalen Achse konzipiert. Kopf, Oberkörper und Beine liegen in derselben frontalen Ebene.
Das Gesicht ist im oberen Bereich breit und verjüngt sich zum Kinn hin. Die lange, gerade Nase bildet die Hauptachse der Komposition. Die großen, hervortretenden mandelförmigen Augen liegen unter dicken, klar gezeichneten Lidern. Die Brauenbögen setzen sich ohne deutlichen Bruch zu den Schläfen fort. Der kleine, leicht geöffnete Mund wird von einem in zwei symmetrische Massen gegliederten Schnurrbart gerahmt.
Das Haar ist durch einen Mittelscheitel geteilt. Breite, gebogene Strähnen folgen einander über der Stirn und sind jeweils von feinen parallelen Ritzlinien durchzogen. Seitlich endet das Haar in kürzeren Locken, die die Ohren freilassen. Der Bart folgt demselben Prinzip. Zwei hakenförmige Strähnen betonen die Wangen, während sich die Volumina unter dem Mund und um das Kinn in gebogene Spitzen aufteilen. Das Gesicht besitzt noch nicht den naturalistischen Charakter der Gotik.
Die Kleidung verbindet eine Tunika mit reich verzierter Halsöffnung und einen Mantel. Unter der doppelten Linie des Kragens erscheint eine mit Rauten verzierte Borte. Der obere Teil des Oberkörpers ist von gebogenen Falten bedeckt, die in aufeinanderfolgenden Bögen angeordnet sind. Dasselbe Formenvokabular setzt sich über die Schultern und am rechten Ärmel fort, wo sich die Falten zu parallelen Rippen verdichten.
Im unteren Bereich ändert sich die Behandlung deutlich. Die Falten werden länger, tiefer und überwiegend vertikal. Seitlich bildet der Mantel eine Folge ineinandergeschobener Kurven und schlägt anschließend in schräge Bahnen um, die in markanten Winkeln enden. Diese Verbindung aus konzentrischen Kurven, vertikalen Fallpartien und schrägen Brüchen gehört zu den bedeutendsten Merkmalen der Skulptur.
Die rechte Hand hält den Schlüssel, der in einem bemerkenswerten Ring mit Voluten endet, während die heute fehlende linke Hand das Buch mit einem schönen Verschluss hielt.
Der Sockel bewahrt den Anfang des Titulus „S SIM…“, für Sanctus Simon Petrus.
Material und Technik
Das Werk ist aus oolithischem Kalkstein gearbeitet, dessen Beschaffenheit durch die Analyse des Labors Re.S.Artes bestätigt wurde. Das regelmäßige Korn eignet sich sowohl für die Ausarbeitung zusammenhängender Volumina als auch für die feinen Ritzungen in Haar, Bart und Gewandborten.
Die Skulptur ist nahezu vollplastisch, doch die Rückseite ist flach. Dies zeigt, dass das Werk für eine frontale Betrachtung bestimmt war. Der Apostel dürfte in einen architektonischen Zusammenhang eingebunden gewesen sein, wahrscheinlich innerhalb einer Arkade oder einer flachen Nische.
Geringe Spuren von Polychromie haben sich an einigen Teilen des Gewandes erhalten. Rote Farbtöne erscheinen insbesondere auf der linken Seite, während sich in den Vertiefungen einige graublaue und grünliche Partien erhalten haben.
Geografischer und stilistischer Kontext
Die Zuschreibung an das Poitou kann nicht allein auf der Bestimmung des oolithischen Kalksteins beruhen, der in mehreren Regionen West- und Nordfrankreichs vorkommt. Sie ergibt sich aus dem Zusammenwirken von Material, architektonischer Konzeption des Reliefs und einer Reihe formaler Merkmale, die in der poitevinischen Skulptur zu beobachten sind.
Im 12. Jahrhundert nimmt die menschliche Figur in den großen Skulpturenprogrammen des Poitou einen immer bedeutenderen Platz ein. Sie erscheint an Fassaden, Portalen und Arkadenregistern, wo Propheten und Apostel Teil architektonisch bestimmter Kompositionen sind. Die Frontalität der Figuren, die Klarheit der Silhouetten und die Wiederholung von Gewandschemata sichern die Einheit dieser Ensembles.
Die Schirmfassade gehört zu den charakteristischsten Ausdrucksformen dieser monumentalen Kultur. Sie bietet der Skulptur eine weit entwickelte Fläche, auf der Figuren in Registern, Arkaden oder Archivolten der Portale verteilt werden können. Die Personen sind dabei nicht immer der Logik einer erzählerischen Szene untergeordnet.
Der Unterschied zwischen dem oberen und unteren Teil des Gewandes ist chronologisch und geografisch bedeutsam. Die kurvigen Falten des Oberkörpers sind typisch für die poitevinische Skulptur um die Mitte des 12. Jahrhunderts, während die Tiefe der herabfallenden Partien und die zunehmende Selbstständigkeit der Stoffbahnen bereits Entwicklungen an der Schwelle zum 13. Jahrhundert ankündigen.
Das Gesicht folgt derselben Gestaltungsabsicht. Seine Frontalität und Symmetrie bleiben stark romanisch, ebenso die anatomischen Details, Augen, Haar und Bart, die dem Kanon der romanischen Kunst des Poitou vollständig entsprechen. Haar und Bart suchen noch nicht die kontinuierliche Geschmeidigkeit der Skulptur des frühen 13. Jahrhunderts. Ihre Ordnung in einzelne, tief eingeschnittene Strähnen bleibt ornamental.
Diese Merkmale verbinden das Werk mit der poitevinischen Skulptur der letzten Jahrzehnte des 12. Jahrhunderts. Sie erlauben jedoch keine Bestimmung einer konkreten Werkstatt.
Vergleichscorpus und Datierung
Notre Dame la Grande in Poitiers
Die Fassade von Notre Dame la Grande in Poitiers bildet den ersten Bezugspunkt für das Verständnis der Entwicklung von Apostelkollegien in der monumentalen Skulptur des Poitou. Sie zeigt die Apostel unter Arkaden. Die Wiederholung der Figuren schafft eine regelmäßige Folge, in der jede Person individualisiert ist. Der heilige Petrus ist durch seine Schlüssel gekennzeichnet.
Einige Gesichter zeigen ebenfalls große mandelförmige Augen, durchgehende Brauenbögen und eine in symmetrischen Strähnen geordnete Behaarung. Die untersuchte Skulptur unterscheidet sich jedoch durch größere Tiefe, einen stärker vom Hintergrund gelösten Kopf und eine komplexere Belebung des Mantels. Sie gehört daher zu einer deutlich späteren Phase der poitevinischen Skulptur.
Diese in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts ausgeführten Figuren sind älter als das untersuchte Werk. Ihre Bedeutung ist vor allem typologischer Natur. Sie belegen im poitevinischen Kontext die Verwendung frontaler Apostelfiguren innerhalb eines architektonischen Rahmens, die durch ihre Attribute individualisiert werden.
Kathedrale Saint Pierre in Angoulême
Die Fassade der Kathedrale Saint Pierre in Angoulême bietet einen wesentlichen Vergleich für die Überlagerung der Draperien. Bei mehreren Aposteln der Blendarkaden aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts weiten sich die Gewänder zu großen dreieckigen Bahnen. Vertikale Falten werden von schrägen Umschlägen unterbrochen, während sich die Säume um Beine und Füße anheben. Diese Organisation erzeugt eine Weite und Beweglichkeit, die sich im unteren Teil unseres heiligen Petrus wiederfindet. Tunika und Mantel bilden dort keine gleichmäßige Fläche. Sie kreuzen und überlagern sich und schaffen eine Folge vorspringender und zurücktretender Ebenen.
Angoulême ist ein bedeutender regionaler Vorläufer für die dynamische und großzügige Auffassung der Draperie. Der Vergleich zeigt, dass unser heiliger Petrus in einer plastischeren und wahrscheinlich späteren Form eine monumentale Tradition fortführt, die im Angoumois bereits in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts ausgeprägt war.
Heiliger Petrus in Aulnay
Die Skulptur des Südportals von Aulnay, gewöhnlich um die Mitte des 12. Jahrhunderts datiert, bietet einen weiteren Bezugspunkt für das Studium des Formenvokabulars des Poitou. Die in den Archivolten angeordneten Figuren tragen Gewänder mit parallelen Linien, ineinandergeschobenen Kurven und röhrenförmigen Falten.
Bei Aulnay betrifft der Vergleich insbesondere die Syntax der Falten, vor allem die Folge regelmäßiger Kurven auf dem Oberkörper des heiligen Petrus. Bei unserer Skulptur zeigen die größere Tiefe der Vertiefungen und die stärkere Ablösung der Stoffbahnen jedoch ein weiter fortgeschrittenes Stadium.
Saint Nicolas in Civray
Die für romanische Kirchen des Poitou typische Schirmfassade von Saint Nicolas in Civray ist in große Arkaden auf zwei Ebenen gegliedert. Die obere rechte Arkade hat ihre monumentalen Figuren in zwei Registern bewahrt. Im oberen Register halten vier Gestalten Bücher oder Schriftbänder. Es könnte sich um Propheten, Apostel oder Evangelisten handeln.
Bei der Restaurierung der Fassade im 19. Jahrhundert, deren Eingriff an den Skulpturen der oberen rechten Arkade in einer aggressiven Reinigung bestand, wurden Spuren roter und blauer Polychromie festgestellt. Die Figuren tragen Gewänder, die für die Kunst des Poitou und der Saintonge typisch sind, mit nahezu konzentrischen Falten und ohne Linienbruch zwischen dem oberen und unteren Teil des Gewandes.
Civray ist ein interessanter Bezugspunkt für unsere Untersuchung, gehört jedoch ebenfalls einer früheren Phase an, nämlich der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts auf dem Höhepunkt der romanischen Kunst des Poitou.
Sainte Eulalie in Benet
Die Fassade von Sainte Eulalie in Benet bietet einen interessanten Vergleich für das künstlerische Umfeld der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Besonders relevant ist der Vergleich für die Behandlung der Gesichter und Gewänder der Figuren in den Archivolten des Portals oder an den eingebundenen Kapitellen. Wie bei der vorliegenden Skulptur sind die Augen voll und hervortretend, während sich die Gewänder bei geringerer Dichte der kreisförmig konzentrierten Falten lockern. Die Augen sind unter durchgehenden Brauenbögen weit geöffnet. Haar und Bart sind durch parallele Rillen gegliedert. Die Gewänder wechseln zwischen gebogenen Falten, vertikalen Bändern und kantigen Enden. Die Oberfläche bleibt stark grafisch, doch die Volumina gewinnen an Tiefe und Selbstständigkeit.
Die untersuchte Figur scheint diesem Moment der Erneuerung anzugehören. Sie bewahrt die Stabilität und abstrakte Ordnung der romanischen Werke aus der Mitte des Jahrhunderts und entwickelt zugleich größere Freiheit in den Fallpartien des Mantels. Hinsichtlich der Vermischung der Stile zeigt die Studie von Marie Thérèse Camus zu den Bildhauern der Fassade von Benet gerade den Wert einer Betrachtung in Gruppen und anhand der Zirkulation von Kunsthandwerkern, statt von vollständig isolierten Werkstätten auszugehen.
Mit einer möglichen Fertigstellung der Fassade bis etwa 1150 bis 1160 liefert Sainte Eulalie einen zeitlich näheren Bezugspunkt, bleibt jedoch früher als der hier untersuchte heilige Petrus.
Notre Dame de la Couldre in Parthenay
Der Kopf einer bärtigen Figur im Musée Georges Turpin in Parthenay, Inventarnummer 2005.8.1, wird traditionell Notre Dame de la Couldre zugeschrieben und in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts datiert. Mit einer Höhe von 22 cm gehörte er zu einer Figur, deren Körper verloren ist.
Der Vergleich mit dem heiligen Petrus betrifft vor allem den Aufbau des Gesichts. In beiden Werken liegen stark hervortretende Augäpfel in tiefen Augenhöhlen unter nur schwach betonten Brauenbögen, die in eine gerade Nase übergehen. Der Schnurrbart ist deutlich vom Bart getrennt, während Haar und Behaarung in dicke Strähnen gegliedert sind, die von parallelen Ritzlinien durchzogen werden.
Der Kopf von Parthenay besitzt jedoch ein schmaleres Gesicht und längere Seitensträhnen, die nach unten reichen und sich mit dem Bart verbinden. Beim heiligen Petrus ist die Behaarung symmetrischer um Wangen und Kinn verteilt und in kürzere, stärker individualisierte hakenförmige Strähnen gegliedert.
Dieser Vergleich stellt ein wichtiges Argument für eine Herkunft aus dem Poitou dar. Er zeigt, dass die Behandlung von Augen, Nase und Behaarung des heiligen Petrus in Entwicklungen eingebunden ist, die in Parthenay während der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts belegt sind. Damit stützt er eine Datierung in die letzten Jahrzehnte des Jahrhunderts, ohne jedoch eine Zuschreibung an die Werkstatt von Notre Dame de la Couldre zu erlauben.
Sainte Marie in Mimizan
Das Portal von Sainte Marie in Mimizan bietet den bedeutendsten funktionalen Vergleich. Die Apostel sind dort stehend in starkem Relief um Christus angeordnet. Sie werden durch ihre Haltungen und durch Inschriften individualisiert. Das Ensemble folgt der Logik eines monumentalen Apostelkollegiums, in dem jede Figur ihre Eigenständigkeit bewahrt und zugleich Teil einer Reihe ist.
Mimizan ist jedoch später. Marcel Durliat datiert das Portal in die ersten Jahrzehnte des 13. Jahrhunderts und verweist auf seine Beziehungen zur nordspanischen Skulptur, die von Jacques Lacoste untersucht wurden.
Die Apostel von Mimizan zeigen freiere Körper, vielfältigere Haltungen und Draperien, die stärker der Bewegung folgen. Die Falten umschließen die Volumina, statt sich hauptsächlich über die Oberfläche zu legen. Die untersuchte Figur bleibt kompakter. Ihre Achse ist strenger und die Kurven des Oberkörpers bewahren ihren abstrakten Charakter.
Mimizan bildet daher eine obere chronologische Grenze. Die Nähe von Funktion und Format verbindet die beiden Ensembles, während die Unterschiede in der Modellierung dafür sprechen, die vorliegende Skulptur vor der vollen Entwicklung des Portals von Mimizan anzusetzen.
Datierungsvorschlag
Der Vergleich des Corpus erlaubt die Unterscheidung von vier Ebenen. Notre Dame la Grande und Aulnay liefern die regionalen Vorläufer des Apostelprogramms und der linearen Draperie. Angoulême, obwohl weiter südlich gelegen, belegt dynamische Draperien bereits in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Benet und Civray veranschaulichen den Höhepunkt der romanischen Kunst des Poitou in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Mimizan zeigt zu Beginn des 13. Jahrhunderts die freiere und plastischere Vollendung dieser Entwicklungen.
Die Figur des heiligen Petrus steht zwischen den beiden letzten Phasen. Sie bewahrt Frontalität, Symmetrie und die konventionellen Faltenformen, die aus der Mitte des Jahrhunderts überliefert sind, vertieft jedoch das Relief und individualisiert die Volumina. Eine Datierung um 1180 bis 1200 erscheint daher schlüssig.
Die Zuschreibung an das Poitou beruht auf dieser Stellung innerhalb einer regionalen Entwicklung, auf der architektonischen Konzeption der Figur und auf der gemeinsamen Behandlung von Gesicht, Behaarung und Gewand. Da kein erhaltenes Ensemble hinreichend enge Entsprechungen bietet, sollte keine genauere Werkstattzuweisung vorgeschlagen werden.
Ausgewählte Literatur
- Baron, Françoise, Hrsg., L'art roman au Louvre, Paris, Fayard und Musée du Louvre, 2005.
- Camus, Marie Thérèse, und Andrault Schmitt, Claude, Notre Dame la Grande de Poitiers, l'œuvre romane, Paris und Poitiers, Picard und Centre d'études supérieures de civilisation médiévale, 2002.
- Camus, Marie Thérèse, und Carpentier, Élisabeth, Sculpture romane du Poitou, le temps des chefs d'œuvre, Paris, Picard, 2009.
- Camus, Marie Thérèse, „Le regroupement de sculpteurs dans l'aire artistique du Poitou au XIIe siècle, l'exemple de l'atelier de la façade de Benet“, in Architecture, décor, organisation de l'espace, Mélanges offerts à Jean François Reynaud, Lyon, 2013, S. 203 bis 214.
- Brugger, Laurence, „De la création d'Ève à la Mandragore décapitée, la façade de l'église Sainte Eulalie de Benet en Vendée“, Civilisation médiévale, Bd. 3, 1996, S. 37 bis 53.
- Lacoste, Jacques, „Le portail de Mimizan et ses liens avec la sculpture espagnole du début du XIIIe siècle“, Revue de Pau et du Béarn, Bd. 2, 1974, S. 35 bis 69.
- Durliat, Marcel, „La place du portail de Mimizan“, Bulletin monumental, Bd. 133, 1975, S. 261 und 262.