Herkunft: Saalfeld, Thüringen, Deutschland.
Material: Lindenholz.
Abmessungen: Höhe 75 cm
Epoche: Um 1505–1510.
Zustand: Wurmbefall, kleinere Überfassungen
Preis: Auf Anfrage
Ref.281
Johannes der Evangelist aus polychrom gefasstem und vergoldetem Lindenholz. Der Heilige ist in einen goldenen Mantel mit blauem Futter gekleidet, dessen gebrochene Falten für die spätgotische deutsche Skulptur charakteristisch sind, insbesondere für die Werkstätten Thüringens und Frankens. Die Tunika, sichtbar am runden Halsausschnitt und am unteren Ende der Skulptur, fällt in relativ einfachen, vertikalen, röhrenförmigen Falten, die eine visuelle Stützsäule bilden und mit dem Mantel kontrastieren, der mit großer plastischer Komplexität behandelt ist, typisch für die in der Saalfelder Schule gebräuchlichen „gebrochenen“ bzw. „kantigen Falten“ (Knitterfalten). Ein altes Sammlungsetikett erwähnt eine Zuschreibung an Valentin Lendenstreich, den Meister des Neusitzer Altars. Die relative Steifheit einiger Partien in Verbindung mit der Tiefe der Ausarbeitung weist jedoch eher auf die Hand Hans Gottwalds von Lohr hin und auf seine Synthese zwischen thüringischer Bewegtheit und der strukturellen Strenge der Würzburger Schule als auf den Stil Valentin Lendenstreichs.
Das Gesicht zeigt die für Johannes den Evangelisten charakteristische Typologie: eine jugendliche, bartlose Physiognomie, geprägt von schwerer Ernsthaftigkeit. Die Züge sind markant herausgearbeitet, in einer auf Ausdruck bedachten Manier, wie sie für die thüringische Skulptur um 1500–1510 typisch ist, mit mandelförmigen, leicht hervortretenden Augen, überfangen von schweren, halb geschlossenen Lidern.
Das mit großer Virtuosität behandelte Haar bildet eine dichte skulpturale Masse, die das Gesicht rahmt und eine hohe Stirn freilegt. Es entfaltet sich in dicken, welligen Locken, die schwer in den Nacken fallen und mit Meißel und Hohleisen tief unterschnitten sind, um starke Hell-Dunkel-Kontraste zu erzeugen.
Diese Skulptur stellt eine Synthese zwischen den Werken Tilman Riemenschneiders und denen Valentin Lendenstreichs dar und stützt damit die Zuschreibung an Hans Gottwald von Lohr, der Schüler Riemenschneiders war, bevor er zur Saalfelder Schule stieß und nach dem Tod Valentin Lendenstreichs deren Leitung übernahm.
Die Skulptur gehörte ursprünglich zu einem größeren Ensemble, genauer zu einem Altar mit Figuren in Dreiviertel-Rundung. Solche Altäre sind in Thüringen im Umkreis von Saalfeld bekannt, etwa die Retabel in Erfurt oder Rudolstadt, die beide der Hand Hans Gottwalds von Lohr zugeschrieben werden.
Benutzte Literatur:
· Bau- und Kunstdenkmäler Thüringens: Herzogthum Sachsen-Meiningen: Kreis Saalfeld, Georg Voss & Paul Lehfeldt, Jena, 1892.
· Meisterwerke der Kunst aus Sachsen und Thüringen, Oskar Doering, Magdeburg, 1905.